Standortfaktoren begeistern MTU-Ingenieurin

Drei Leidenschaften hat Anita L. VanBarneveld: Sie ist begeisterte Ingenieurin, enthusiastische Sportlerin und herzlicher Familienmensch. Die 42-jährige Kanadierin zeigt, dass das alles kein Widerspruch sein muss.

05.2017 | Autor: Thorsten Rienth

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Thorsten Rienth, schreibt als freier Journalist für den AEROREPORT. Seine technik­journalis­tischen Schwerpunkte liegen neben der Luft- und Raumfahrtbranche im Bahnverkehr und dem Transportwesen.

Höchstens zehn Sekunden hat Anita L. VanBarneveld Zeit, die 175 Gramm leichte Kunst­stoff­scheibe weiterzupassen. Laufen darf sie nicht, nur der Stern­schritt ist erlaubt. Vergleichbar mit dem „Ei“ beim American Football darf die Flug­scheibe nur durch geschicktes Zuwerfen in die gegnerische Endzone an den Spielfeld­enden befördert werden. Bis in die deutsche National­mannschaft hat es die 42-Jährige im Ultimate Frisbee gebracht.

Dass die Wahl-Münchnerin eine Rand­sportart wie Frisbee betreibt, passt zur Biografie. Klassische Lebens­entwürfe waren ihr Ding jedenfalls noch nie. Als eine von ganz wenigen Frauen studierte sie in Ottawa Luft- und Raum­fahrt­technik. Nach ein paar Jahren in der kanadischen Luft­fahrt­branche wird ihr sogar das große Kanada zu klein. Bei Fairchild-Dornier in Oberpfaffenhofen gibt es Jobs. Den kleinen Ort im Südwesten von München muss VanBarneveld erst einmal auf der Landkarte suchen. „Mein Freund und ich dachten uns: Das ist attraktiv, da gehen wir jetzt mal so für zwei Jahre hin.“ Daraus wurden bislang 15. Trotz – oder gerade weil – Fairchild Dornier im Jahr 2002 Insolvenz anmelden musste.

Vom Flugzeug zum Antrieb in 20 Kilometern Luftlinie

Von einer Bekannten, die zu dieser Zeit bei der MTU Aero Engines arbeitet, hört VanBarneveld, dass jemand mit ausgerechnet ihrem Anforde­rungs­profil gesucht wird. Luftlinie sind es gerade einmal 20 Kilometer von Oberpfaffenhofen zur MTU im Münchner Nordwesten – „optimal“. Wenig später berechnet die Kanadierin bei der MTU Festig­keiten von Lauf­schaufeln für Business­jet-Trieb­werke. Noch etwas fügt sich optimal: „Die Engines stellt die MTU in Zusammen­arbeit mit Pratt & Whitney Canada her – da kannte ich mich aus.“

Danach geht es ans andere Ende auf der Größen­skala. Beim Airbus A380-Antrieb GP7000 entwickelt sie die Nieder­druck­turbine mit. Als das Trieb­werk in der Luft ist, wechselt sie als Team­leiterin ins Modul­team, das die GEnx-Turbinen­zwischen­gehäuse für den „Dreamliner“ und die 747-8 konstruiert. Danach folgt der aktuelle Job, die Nieder­druck­turbinen-Modul­team­leitung bei der PW800-Familie. Es ist der Moment, an dem sich ein Kreis schließt: Das PW800 ist der Nachfolger genau jener Businessjet-Anwendungen, für die VanBarneveld einst Schaufel­festig­keiten kalkulierte.

Standortfaktoren Alpen und TurBienchen

Bei Fairchild-Dornier war Englisch die Unter­nehmens­sprache. Das hatte Vorteile, aber eben auch Nach­teile. „Auf Deutsch konnte ich damals jedenfalls nicht viel mehr sagen als: ‚Ein Bier bitte!‘“ Nachdem sich mit dem Schritt zur MTU eine Rückkehr nach Kanada erst einmal erübrigt hatte, ist VanBarneveld konse­quent: während der Arbeits­zeit soll nur Deutsch gesprochen werden. Der Anfang ist, wie so oft, hart. Denn die Kol­legen halten sich an die Abmachung. Doch die Nach­fragen werden immer weniger. Inzwischen ist es mit der Sprache so, wie mit einer guten Hose: sie sitzt.

Dass das Leben der VanBarnevelds in München überhaupt so laufen konnte, wie es lief, liegt mit am Umfeld. Da ist einmal ein klassischer weicher Standortfaktor: die Alpen vor der Haustüre. „Am Wochenende Klettern, Wandern oder Fahrrad­fahren – da sind wir sofort dabei.“ Inzwischen nicht mehr zu zweit, sondern zu viert mit zwei Söhnen, zwei und drei Jahre alt. „Ohne Vollzeit­koordi­nation geht da natürlich überhaupt nichts.“ Härtere Faktoren werden da schnell wesentlich.

Das „TurBienchen“ zum Beispiel, eine Eltern­initiative, die neben dem Münchner MTU-Hauptsitz eine Kinder­tages­stätte betreibt. Keine 50 Meter sind es von dort zum Haupt­eingang der Firma. Und das Maskottchen ist stilecht eine Biene im Turbinen-Kostüm. „Solange es im Winter nicht eiskalt ist, stecke ich – zumindest zweimal die Woche – die Kids morgens in den Fahr­rad­anhänger und wir kommen zusammen mit dem Rad zur Arbeit.“

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Interview Anita L. VanBarneveld

Anita L. VanBarneveld beantwortet Fragen zu Ihrem Aufgabenbereich bei der MTU Aero Engines, zu Klischees über Deutschland und zu Ihrer Sportart Ultimate Frisbee. Zum Video ...

Alltag als Brücke

Der restliche Weg ins Büro geht durch die Dusche. Spurlos geht das 10-Kilometer-Workout mit Kinder-Gewichten auch an einer Sportlerin nicht vorbei. Bei Bedarf nimmt Papa VanBarneveld den Nach­wuchs abends mit dem Auto wieder mit. Im Gegenzug kann Mama Anita länger in der Arbeit bleiben. „Vor 14 Uhr habe ich selten Termine mit Pratt & Whitney Canada.“ Bei den Kollegen in Kanada steht der Stunden­zeiger sechs Stunden früher. Der Alltag ist deshalb immer auch eine Brücke. Zwischen Europa und Nordamerika. Zwischen Büro und Familie. Zwischen Freizeit und fest verplanter Zeit.

Nichts geht dabei ohne Chefs, die mitspielen. Einst bei der Frage, ob sie sich eine junge Kanadierin im Team vorstellen konnten. Nach der ersten Schwan­ger­schaft, auf die bald die zweite folgte. „Da haben sie eine Möglich­keit gefunden, dass ich die vier Monate dazwischen arbeiten kann, um nah an den Themen dran bleiben zu können.“ Wo ein Wille, da ein Weg. „Schlussendlich ist das eine Frage der Mentalität. Die einfach stimmt.“

Das nächste Mal werden die Karten in drei, vier Jahren neu gemischt. Dann ist der Älteste sechs und kommt in die Schule. Was die Familien­organisation angeht, wird es kaum leichter. Positives kann die Ingenieurin dem Schritt den­noch ab­ge­winnen. „Dann schaue ich ihm über die Schulter und lerne endlich mal richtig gut die deutsche Grammatik.“

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