Weltweiter Austausch über Trieb­werks­technologie

Dr. Rainer Walther, seit 2013 Admini­strative Secretary der Inter­national Society of Air Breathing Engines (ISABE), über deren Aufgaben und Themen.

11.2017 | Autorin: Eleonore Fähling

Autorin:
Eleonore Fähling ist Chefredakteurin des AEROREPORT und seit 1999 ver­ant­wortlich für die Mit­ar­bei­ter­zeitung der MTU Aero Engines.

Herr Dr. Walther, was machen Sie eigent­lich als Admini­strative Secretary der ISABE und wie sind Sie dazu ge­kommen?

Dr. Rainer Walther: Die Aufgaben des Admini­strative Secretary, auf Deutsch in etwa über­setz­bar mit „Ver­waltungs­chef“, sind recht viel­fältig. Dazu ge­hören beispiels­weise die Aus­wahl attrak­tiver Ver­anstal­tungs­orte für die alle zwei Jahre statt­­fin­denden ISABE-Kon­fe­renzen sowie deren Pla­nung und Vor­be­rei­tung gemein­sam mit dem Board der inter­na­tio­nalen Ver­treter der ISABE.

Dr. Rainer Walther Seit 2013 Administrative Secretary der International Society of Air-Breathing Engines (ISABE).|

Dr. Rainer Walther war bis vor kurzem in der Tech­no­lo­gie­ent­wick­lung bei der MTU Aero Engines als Ko­or­di­na­tor von Tech­no­logie-Netz­werken mit For­schungs­ein­rich­tungen und Hoch­schulen tätig. Seit 1985 arbeitete er in ver­schie­denen Ent­wick­lung­sbe­reichen der MTU. 1985 promo­vierte er in Luft- und Raum­fahrt­technik an der Uni­versität Stuttgart, wo er nach seinem Studium wis­sen­schaft­licher Mit­arbeiter war. Seit 1993 ist er dort Lehr­be­auf­tragter und seit 2001 Honorar­pro­fessor.

2003 wurde Walther zum Vice Presi­dent der Inter­national Society of Air Breathing Engines (ISABE) gewählt. 2006 wurde er zum zweiten Nationalen Re­prä­sen­tanten Deutsch­lands im aus inter­na­tio­nalen Ver­tretern zu­sam­men­gesetzten Board der ISABE ernannt und ist seit 2013 Admini­strative Secretary der Vereinigung.

So haben wir vor kurzem als Ver­an­stal­tungs­ort für die nächste Kon­ferenz in 2019 Canberra in Aus­tralien aus­gewählt. Darüber hinaus unter­stütze ich die lokalen Orga­ni­sa­tions­komi­tees bei der Aus­wahl von Refe­renten sowie bei der Spezi­fi­ka­tion von Themen­schwer­punkten für die Kon­fe­renzen.

Ich persönlich war stets ein leiden­schaft­licher Be­sucher der ISABE-Kon­fe­renzen, an denen ich seit mehr als zwei Jahr­zehnten regel­mäßig und aktiv teil­nehme. Im Jahr 2003 wurde ich zum Vice Presi­dent der ISABE gewählt. Ver­bunden damit war die Orga­ni­sa­tion und erfolg­reiche Durch­führung der 17. ISABE-Kon­fe­renz 2005 in München. Sie wurde dank großer Unter­stützung durch die MTU und vieler meiner Kol­le­ginnen und Kol­le­gen ein bis heute un­ver­ges­sener Erfolg.

Die ISABE wurde vor mehr als 40 Jahren ge­gründet, als die In­dustrie­mächte noch im Kalten Krieg er­starrt und die Con­corde und Tupolew Tu-144 die luft­fahrt­tech­nologischen Aus­hänge­schilder der Blöcke waren. Wie konnte da welt­um­span­nend über Tech­no­logie­ent­wicklung diskutiert werden?

Walther: Die erste ISABE-Kon­fe­renz fand 1972 in Marseille statt. Sicher­lich war ein inter­na­tio­naler Aus­tausch auf dem Ge­biet der luft­atmen­den Trieb­werks­tech­no­logie zu dieser Zeit nicht einfach. Bereits damals fand jedoch der Aus­tausch von Forschungs- und Ent­wicklungs­er­geb­nissen nicht nur zwischen Industrie­unter­nehmen, sondern auch zwischen inter­na­tio­nal an­er­kannten Groß­forschungs­ein­richtungen wie der ameri­kanischen NASA, dem kanadischen NRC, dem rus­sischen CIAM, der franz­ösischen ONERA sowie dem deutschen DLR statt. Auch war in den Anfangs­jahren die An­zahl der Kon­fe­renz­­teil­nehmer mit etwa 100 deutlich geringer als heute.

Auf der diesjährigen 23. ISABE-Kon­fe­renz in Manchester ­kamen im Sep­tem­ber um die 400 Ex­perten zu­sam­men, 2005 in München waren es rund 500.

An welchen Antriebs­tech­no­lo­gien der Zu­kunft tüfteln denn heute die Wissen­schaftler und Unter­nehmen der Trieb­werks­industrie?

Walther: Die Schwerpunkte heutiger Präsen­ta­tionen auf der ISABE-Kon­fe­renz bein­halten wirt­schaft­liche, verbrauchs­arme und umweltfreundliche Triebwerke und deren Kom­po­nen­ten. Bei­spiele dafür sind Getriebe­fans, Open-Rotor-An­triebe und, als lang­fristige Per­spek­tiven, elek­trische und hybride An­triebs­kon­zepte. Aber auch neueste Ent­wick­lungen und An­wen­dungen fort­schritt­licher Ferti­gungs­ver­fahren, bei­spiels­weise Additive Manufacturing, werden aus­führlich vor­ge­tragen und dis­kutiert.

Erstaunlich fand ich diesmal, mit welch großer Be­geis­te­rung und un­er­müd­licher Aus­dauer über um­fassende For­schungs- und Ent­wick­lungs­arbeiten zu Stau­strahl­an­trieben für Hyper­schall-Flug­sys­teme, ins­be­son­dere aus mehreren asia­tischen Ländern, berichtet wurde.

„Ich glaube, dass in Zukunft auf den ISABE-Konferenzen zunehmend auch Aspekte der Triebwerks­zellen­integration präsentiert und mit Vertretern der Flugzeug­zellen­entwicklung diskutiert werden.“

Wie wird eine ISABE-Kon­ferenz in zehn Jahren aussehen?

Walther: Ich glaube, dass in Zukunft auf den ISABE-Kon­fe­renzen zu­neh­mend auch As­pekte der Trieb­werks-Zellen­­inte­gration prä­sen­tiert und mit Ver­tretern der Flug­zeug­zellen­­ent­wicklung dis­kutiert werden. Hinter­grund dafür ist, dass mit der mög­lichen An­wendung künf­tiger Open-Rotor-und ­Hybrid-An­triebe deren In­te­gration in die Flug­zeug­zelle eine große Be­deu­tung zu­kommt, um die poten­tiellen Synergie­­effekte zwischen Trieb­werk und Zelle optimal zu nutzen.

Darüber hinaus glaube ich, dass die Kon­fe­renz­bei­träge in Menge und Viel­falt, ins­be­son­dere aus den asi­a­tischen ­Ländern, weiter­hin an­wachsen werden. Auch wird die Kon­fe­renz in bisher nicht oder nur wenig ver­tre­tenen Ländern zu­neh­mend an Inter­esse ge­win­nen: So wurde bei­spiels­weise dieses Jahr Kenia als 29. Nation in die ISABE-Ge­sell­schaft auf­genommen.

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