Die A220 aus Kanada begründete vor zehn Jahren eine neue Flugzeugklasse unterhalb der klassischen Narrowbodies. Mit der E2 stieg auch Embraer in das Segment ein – beide Programme haben sich erfolgreich am Markt etabliert.
A220 und E2: Der Aufstieg der kleinen Narrowbodies
©Luis Fabricio Serrano Images 2022
Kurz zusammengefasst
Vor zehn Jahren etablierten der Airbus A220 und später der Embraer E-Jet E2 ein neues Marktsegment zwischen Regionaljets und klassischen Narrowbody-Flugzeugen. Beide Muster überzeugen mit modernen Getriebefan-Triebwerken, hoher Effizienz und wachsender Nachfrage. Während die A220 mit größerer Reichweite punktet, ist die E2 auf das Segment bis 150 Sitze optimiert. Für Hersteller, Airlines und die MTU bleibt dieser Markt ein bedeutendes Wachstumsfeld.
Es war ein Flug der Lufthansa-Tochter Swiss von Zürich nach Paris am 16. Juli 2016, der den Start einer neuen Kategorie von Verkehrsflugzeugen einläutete. Diesmal nicht mit einem Jet aus Hamburg, Toulouse oder Seattle von Airbus oder Boeing. Dieser Zweistrahler kam aus Montréal in Kanada vom Hersteller Bombardier. Der hatte einst mit Schneemobilen angefangen, baute später Business Jets und seit Anfang der 1990er-Jahre die erfolgreichen Canadair Regional Jets. Nun wagte Bombardier den nächsten Schritt: ein Flugzeug mit rund 100 Sitzen, die C-Series.
In einer Basisversion und einer längeren Variante deckte sie den Bereich von 100 bis 150 Passagieren ab. Dank der neuen PW1500G-Getriebefan-Triebwerke, für die die MTU sowohl Hochdruckverdichterkomponenten als auch Niederdruckturbinen liefert, versprach die C-Series bis zu 25 Prozent weniger Verbrauch und Emissionen als die Familien Airbus A320 und Boeing 737. Sie hatte noch einen weiteren Vorteil: Die C-Series war das einzige Verkehrsflugzeug in diesem Segment, das nach dem Jahr 2000 konzipiert wurde – nicht wie die Bestseller 737 und A320, deren Ursprünge in den 1960er- beziehungsweise 1980er-Jahren liegen.
Mit dem Einstieg von Airbus kam der Erfolg
Die Kanadier konnten das Projekt allein allerdings nicht stemmen. Airbus übernahm deshalb 2018 die Produktion im Werk Mirabel bei Montréal sowie die Vermarktung. Aus der C-Series wurden die A220-100 und A220-300. Der Einstieg der Europäer erwies sich als voller Erfolg: Bis Mai 2026 gingen für beide Versionen 1.109 Bestellungen ein, 517 Flugzeuge waren bereits ausgeliefert. Im Mai 2026 sorgte die Rekordorder des asiatischen Billigfliegers AirAsia über 150 Flugzeuge für Aufsehen. Auf der Farnborough Air Show im Juli 2026 wurde BermudAir als neuer Kunde für zehn A220-300 vorgestellt, die auch Transatlantikrouten fliegen sollen. „Wir hatten noch nie so ein Momentum beim Verkauf der A220 wie derzeit“, sagt Guillaume Chevasson, CEO von Airbus Canada.
Aus Brasilien kommt ein starker Wettbewerber
Das neue Segment blieb nicht lange allein in kanadischer Hand. Der erfolgreiche brasilianische Regionaljet-Hersteller Embraer entschloss sich, seine E-Jet-Familie zu erweitern. Die zur E2 weiterentwickelten Zweistrahler werden ebenfalls vom Getriebefan angetrieben – in dem Fall vom Typ PW1900G. Am 24. April 2018 absolvierte die E190-E2 ihren ersten Linienflug für Widerøe in Norwegen. Zusammen mit der größeren E195-E2 decken die Brasilianer heute einen Bereich von 97 bis 146 Sitzen ab.
Die Flugzeuge unterscheiden sich vor allem in ihrer Auslegung. Die A220 bietet fünf Sitze pro Reihe und verfügt über einen größeren Kabinendurchmesser, die E2 setzt auf vier Sitze pro Reihe. Unterschiede gibt es auch bei der Reichweite: Die Jets aus Kanada kommen auf mehr als 6.000 Kilometer und fliegen damit rund 1.000 Kilometer weiter als die Brasilianer. Nachfrage gibt es für beide Konzepte. Bis Juni 2026 wurden 202 E2 ausgeliefert, Bestellungen und Optionen umfassten zusammen über 600 weitere Flugzeuge.
„Die Geschichte dieses Flugzeugs war nichts für Nervenschwache“
Interview mit Rob Dewar, dem „Vater der A220“. Der kanadische Ingenieur war Entwicklungschef der Bombardier C-Series und später weiter für Airbus im A220-Programm tätig.
AEROREPORT: Der Airbus A220, ehemals C-Series, feierte im Juli 2026 den zehnten Jahrestag ihres ersten Linieneinsatzes. Macht Sie das stolz?
Rob Dewar: Ja, darauf bin ich sehr stolz – auf das, was das gesamte Team hier erreicht hat. Das war eine enorme Anstrengung. Mit mehr als 500 A220 im Einsatz und über 1.000 verkauften Flugzeugen hat das Programm derzeit wirklich Rückenwind. Seine Geschichte war allerdings sehr herausfordernd. Das war nichts für Nervenschwache.
Wie hat alles angefangen?
Das Ausgangsmodell war aus Aluminium gebaut und etwas kleiner. Nach zwei Jahren Arbeit stellte sich jedoch heraus, dass die Leistung den potenziellen Kunden nicht ausreichte und wir nicht genügend Interesse wecken konnten. Deshalb haben wir das Programm 2006 verlangsamt und das Flugzeug grundlegend überarbeitet.
Was wurde geändert?
Das Flugzeug erhielt Tragflächen aus Verbundwerkstoff sowie den PW1500G-Getriebefan, der speziell für die C-Series entwickelt wurde. Hinzu kamen neue Systeme wie Fly-by-Wire. Vorher lagen wir beim Treibstoffverbrauch etwa 14 Prozent unter Wettbewerbern wie der Boeing 737-700 und der A319. Nach dem Redesign mit größeren Tragflächen, leichteren Materialien und neuen Triebwerken betrug der Vorteil gegenüber den Konkurrenten mehr als 25 Prozent. Auf der Farnborough Air Show im Juli 2008 wurde das Programm schließlich offiziell gestartet – und der Rest ist Geschichte.
Die kleineren Narrowbodies haben etwa zehn Prozent Marktanteil
Klar ist: Seit 2016 hat sich ein neuer Markt für Zweistrahler im Segment kleinerer Narrowbodies etabliert. Zuvor wurde er vor allem von der A319 sowie der Boeing 737-600 beziehungsweise MAX 7 bedient. „Der Anteil der Auslieferungen dieser kleineren Jets wird sich bei etwa zehn Prozent aller neuen Schmalrumpfflugzeuge stabilisieren“, sagt Fabian Thurner, bei der MTU Aero Engines für die Marktanalyse zuständig. Erwartet wird ein weiteres Wachstum der Produktion dieser neuen Jet-Generation. Das gilt auch für die MTU als Programmpartner wichtiger Komponenten der Triebwerke beider Muster.
„Vom Volumen her werden die Programme PW1500G und PW1900G am Ende für die MTU ähnlich groß sein wie das V2500 für die A320-Familie, von dem die IAE bis heute etwa 7.000 Triebwerke ausgeliefert hat“, sagt Wolfgang Mattig, Programmleiter Small GTFs bei der MTU. „Vor Kurzem haben wir bereits die 2.000. Turbine für die A220 und die E2 ausgeliefert. Die MTU produziert dafür in München und Rzeszów in Polen.“
Viele Airlines warten auf die gestreckte A220-500
Viele Fluggesellschaften erwarten, dass Airbus bald mit einer nochmals gestreckten Version nachlegt. „Wenn Airbus die verlängerte A220-500 auf den Markt bringt, bestellen wir sofort weitere 150 Flugzeuge“, versprach AirAsia-Gründer Tony Fernandes bei der Verkündung seiner Order über 150 A220-300 im Mai 2026. „Wir machen uns bereit, eine Entscheidung zu treffen“, erklärt Guillaume Chevasson. Vorgesehen sind nach Angaben von Chevasson fünf zusätzliche Sitzreihen und damit eine Kapazität von knapp 180 Passagieren – knapp unterhalb des größeren Bestsellers A320. Die Reichweite würde dadurch etwas sinken, das maximale Startgewicht bliebe aber unverändert.
Ein Markt, der maßgeschneiderte Angebote zweier Wettbewerber braucht
Embraer kann sich dagegen vor allem der Weiterentwicklung der E2 widmen. „Die E195-E2 kann nicht weiter gestreckt werden“, sagt Arjen Meijer, Chef der Passagierflugzeugsparte. „Wir bekommen maximal 146 Sitze in die größte E2. Wenn 150 reingepasst hätten, hätten wir das gemacht.“ Beide Hersteller wissen, wie wichtig gesunde Konkurrenz ist. „Es ist gut für beide Seiten, dass es in dem relativ begrenzten Markt der kleineren Narrowbodies mit der A220 und der E2 zwei Wettbewerber gibt. Wir glauben beide, dass das ein sehr starker Markt ist, der maßgeschneiderte Angebote braucht.“
Beide Flugzeuge erfüllen unterschiedliche Anforderungen. „Die A220 ist schwerer, länger und viel näher am A320-Segment als die E2 – erst recht mit der A220-500“, beschreibt Meijer den Unterschied. „Die E2 dagegen ist optimiert für das Segment bis 150 Sitze, rundet das Narrowbody-Segment nach unten ab und ergänzt es.“
Auch bei der MTU sieht man das Potenzial dieses Marktes, der noch längst nicht alle Regionen der Welt umfasst. „Asien ist für die kleinen Narrowbodies noch ausbaufähig. Aus China gab es bisher etwa noch keine Bestellungen für die A220 oder E2. Und gerade im Raum Asien/Pazifik gibt es viele Routen, die attraktiv sind für diese Flugzeugklasse“, sagt MTU-Marktanalyst Fabian Thurner.