Air Baltic hat ein Alleinstellungsmerkmal unter den Fluggesellschaften: Hier fliegt der Chef manchmal persönlich die Passagiere, als vermutlich einziger CEO einer größeren Airline weltweit. Martin Gauss ist von Haus aus Pilot, flog früher die Boeing 737-300. Und ausgerechnet mitten in der Pandemie erreichte er einen weiteren persönlichen Meilenstein und erwarb seine Typenberechtigung als Flugkapitän des Airbus A220. „Ich habe schon fast hundert Flugstunden auf der A220, fliege immer unter der Supervision eines Check-Kapitäns“, erklärt Gauss. Je nach Zeitplan absolviert er ein- oder zweimal im Monat auf dem Air Baltic-Streckennetz einen Umlauf. Das Restpensum zum Lizenzerhalt erledigt er im firmeneigenen Simulator.
Weniger Verkehr, hohe Pünktlichkeit
„Home of Air Baltic“ steht in großen schwarzen Lettern am Dach des Verwaltungsgebäudes der Fluggesellschaft am Flughafen Riga. Air Baltic ist in den letzten Jahren zum Marktführer im Baltikum mit seinen gut sechs Millionen Einwohnern in drei Ländern geworden und tritt entsprechend selbstbewusst auf. Gleich unter dem Schild verläuft eine Fensterfront, hinter der Pauls Cālītis steht, ebenfalls Pilot und Chief Operations Officer der Fluggesellschaft. Auf großen Bildschirmen an der Wand ist jeder einzelne Flug des Tages mit allen wichtigen Daten aufgeführt, inklusive der aktuellen Passagierzahlen, die wieder etwas ermutigender sind. Aber auch im Spätsommer 2021 ist noch längst nicht wieder alles normal. Die Auslastung der angebotenen Flüge lag zuletzt bei 67 Prozent, immer noch wird viel weniger geflogen als vor Beginn der Corona-Pandemie üblich. Mit einem Lächeln zeigt Pauls Cālītis auf die hohe Pünktlichkeitsrate von weit über 90 Prozent. „Das sind Weltklassewerte, die es sonst nie im Sommer gibt, aber der Grund ist einfach: Es gibt viel weniger Verkehr am Himmel.“
„In Airline und Land verliebt“
Die Aufschrift am Gebäude von Air Baltic passt auch zu Martin Gauss, denn für den deutschen Airline-Chef sind Lettland und Riga inzwischen zur Heimat geworden. Der 53-jährige startete seine Luftfahrtkarriere 1992 als Copilot auf der Boeing 737-300 bei der Deutschen BA in München, war später einer der Geschäftsführer. Anschließend führte er Cirrus Airlines und Malév, bevor er im November 2011 Chef von Air Baltic wurde. „Ich habe mich total in diese Airline und in dieses Land verliebt. Hier ist mein zu Hause und das gibt mir Energie. Ich habe ein starkes Team mit dem wir durch die Krise gegangen sind,“ sagt er.
Air Baltic hat schon zu Beginn der Krise so ziemlich alles anders gemacht als andere Airlines. „Wir haben uns damals hier im Hauptquartier eingeschlossen“, berichtet Gauss. „Wir mussten in der Zeit eine neue Strategie und ein Produkt entwickeln, das nach der Krise für die Passagiere akzeptabel sein würde“, sagt der Firmenchef. „Natürlich hatten wir zunächst Zweifel, ob wir das überleben“, räumt er ein. Glücklicherweise verfügte Air Baltic über große Bargeldreserven, von denen die Airline immer noch zehrt, dazu kamen insgesamt 340 Millionen Euro an Kapitalerhöhung durch die lettische Regierung.