Luftfahrtjournalist Andreas Spaeth erinnert sich
Am 15. Juni 2022 hob die A321XLR zum ersten Mal ab. Der Erstflug fand in Hamburg-Finkenwerder statt – und trotz der noch spürbaren Auswirkungen der Corona-Pandemie war die Stimmung außergewöhnlich euphorisch. Viele freuten sich, endlich wieder ein solches Ereignis persönlich miterleben zu dürfen. Die Begeisterung schien sogar größer als bei anderen Erstflügen.
Gegen elf Uhr vormittags richteten sich alle Blicke ans Ende der Startbahn in Richtung Elbe. Nur wenige Minuten zuvor war dort eines der berühmtesten Kreuzfahrtschiffe der Welt vorbeigeglitten – die „Queen Mary 2“. Unerwartet für die Zuschauer setzte sich dann die A321XLR, Baunummer 11000, Kennzeichen F-WXLR, noch vor dem geplanten Begleitflugzeug in Bewegung. Kurz darauf beschleunigte sie und hob exakt um 11:05 Uhr – fast direkt vor den aufgereihten Beobachter:innen – ab. Eigentlich ein vertrautes Bild: Flugzeuge der A320-Familie starten in Finkenwerder seit 1987, die erste A321 absolvierte ihren Jungfernflug ebenfalls genau hier, im Jahr 1993. Und doch lag in diesem Moment eine ganz besondere Stimmung in der Luft – nicht wenige schienen gerührt, manche mit glänzenden Augen.
Nun begann das Warten an der Elbe. Der Erstflug sollte bis zu vier Stunden dauern. Gegen 15:30 Uhr hatten sich rund 100 Mitarbeiter:innen vor dem Auslieferungszentrum versammelt. Dann, hinter der großen Werkshalle, tauchte der Erstflieger auf, zog nach einem Überflug eine enge Kurve über Finkenwerder und setzte um 15:40 Uhr nach drei Stunden und 35 Minuten Flugzeit wieder auf. Langsam rollte die Maschine auf die Menschenmenge zu, begleitet von einem feierlichen Wasserfontänen-Salut der Flughafenfeuerwehr. Applaus und Jubel brandeten auf. Es vergingen gefühlt endlose Minuten, bis sich schließlich die Tür öffnete. Unter „Bravo“-Rufen stieg die fünfköpfige Besatzung nacheinander die Gangway hinab. Jeder trat kurz auf die improvisierte Bühne und richtete ein paar Worte an die begeisterten Mitarbeiter:innen. Als Erster sprach Kapitän Thierry Diez. „Das ist auch euer Baby!“, rief er in die Menge – und erntete lauten Beifall. Dann fügte er stolz hinzu: „Dieses Flugzeug ist so universell wie ein Schweizer Messer. Damit können wir mit derselben Pilotenlizenz Kurz-, Mittel- und Langstrecken fliegen.“