Entwicklung mit numerischer Simulation
Die numerische Simulation beginnt mit einem Modell aus Hexaedern, einem Finite-Elemente-Modell, das Lasten und Temperaturen ausgesetzt wird. Das Computerprogramm ermittelt, welche Hexaeder Belastungen standhalten müssen und welche nicht. Die unbelasteten werden nach und nach entfernt, bis nur noch die unverzichtbaren Strukturen übrig sind. Dann simuliert der Computer dynamische Belastungen, wie sie während vieler tausend Starts und Landungen auftreten. Das Modell zeigt, wo Schwachstellen sind, dort muss das Hexaedernetz angepasst werden.
Im nächsten Schritt gilt es, das Design für die additive Fertigung zu optimieren: Beim Selektiven Laserschmelzen werden dünne Lagen von IN718-Pulver, einer hochwarmfesten Eisen-Nickel-Legierung, aufgetragen und dort, wo massive Strukturen entstehen sollen, mit Laserlicht verschmolzen. Prinzipiell lässt sich auf diese Weise jede Geometrie fertigen, allerdings müssen Stützstrukturen und überhängende Teile anschließend entfernt beziehungsweise nachbearbeitet werden. Um diesen Aufwand zu minimieren, durchläuft das Modell einen Optimierungsprozess.
Die CAD-Daten aus der Simulation lassen sich nun direkt für die additive Fertigung nutzen. Zur Qualitätssicherung haben die Ingenieure bei der MTU ein eigenes Verfahren entwickelt, das schon während des Schweißprozesses Schwachstellen aufspürt: Ein Sensor registriert, wie lange es dauert, bis das Pulver, das der Laser aufgeschmolzen hat, wieder erstarrt und abkühlt. Ein langes Nachglühen deutet auf eine unvollständige Verbindung mit der darunterliegenden Schicht hin.
Die Fertigung des Bracket-Rohlings dauert nur wenige Stunden. Vor dem Einbau durchläuft er noch weitere Qualitätsprüfungen, die einen sicheren Einsatz im Triebwerk garantieren.
Die neuen bionischen Halterungen werden jetzt in ein Testtriebwerk eingebaut. Sobald sie den Langzeittest dort bestanden haben und die Zulassungsanforderungen nachgewiesen sind, können sie in Serie gehen. „Damit haben wir wieder einen wichtigen Meilenstein erreicht und den Weg geebnet für künftige Entwicklungen“, so Welling. „Bis 2030 wollen wir 15 bis 30 Prozent der Triebwerksbauteile additiv fertigen. Wir wissen allerdings, dass dafür weitere Herausforderungen zu meistern sind, die wir jetzt konsequent angehen.“
Welche Komponenten eigenen sich dafür? Die Liste der potenziellen Einsatzmöglichkeiten ist lang. Denkbar wären ein Gehäuse mit integrierter Kühlung, leichte Triebwerksschaufeln oder eine neu designte Verstellmechanik für Schaufeln – bisher besteht diese aus vielen kleinen Teilen, die von Hand montiert werden müssen. „Die additive Fertigung kann dazu beitragen, die Ziele der Luftfahrt zur Reduzierung von Treibstoffverbrauch und Emissionen zu erreichen“, resümiert Welling. „Nach dem Vorbild der Natur können wir leichter, leiser und effizienter werden.“