Über dem Atlantik lässt der „King Stallion“ seine Muskeln spielen

Die MTU hat den Antrieb für einen der modernsten und leistungsstärksten Helikopter der Welt mitentwickelt: die Sikorsky CH-53K, Spitzname „King Stallion“. Das US Marine Corps hat sich von der Leistung der drei Nutzturbinen des Typs T408-GE-400 bei einem Härtetest auf dem Ozean überzeugt: 200 Exemplare des seetauglichen Lastenhelikopters hat die Spezialeinheit geordert.

09.2020 | Autor: Peter Sommerfeld

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Peter Sommerfeld schreibt als freier Journalist für den AEROREPORT. Er fasziniert sich für Themen der Luft- und Raumfahrtbranche sowie für Reportagen und Porträts aus den entlegensten Winkeln der Erde.

Kraftprotz über dem Atlantik

Für einen Helikopterpiloten gibt es kaum eine größere Herausforderung als die Landung auf einem Schiff bei Nacht. Wenn es dunkel ist, fehlt dem Piloten der Horizont als Referenz für oben und unten. Und wenn die Ausleuchtung des Helikopterträgers auch noch heruntergedimmt ist, dann wird das sichere Aufsetzen fast zum Glücksspiel.

„Die Flugsteuerung und Stabilisierung der CH-53K ermöglichten einen komplett automatischen Anflug. Bisher habe ich mich in diesem Szenario noch nie so sicher gefühlt.“

Major Joshua Foxton, United States Marine Corps

Major Joshua Foxton vom United States Marine Corps hat Landungen unter diesen Bedingungen in seiner Karriere immer wieder trainiert: an Bord einer Sikorsky CH-53E, Spitzname: „Super Stallion“. Einem Helikopter, der 1981 in Dienst gestellt wurde. Major Foxton war also bestens vorbereitet, als er vor einigen Wochen bei einer umfassenden Testreihe im Nordatlantik, bei der die Einsatzbereitschaft des brandneuen Nachfolgers CH-53K unter Beweis gestellt werden sollte, im Cockpit saß. Foxton landete auch den neuen Helikopter mit dem Spitznamen „King Stallion“ in der Dunkelheit. Aber diesmal war etwas anders. Die Landung war erstaunlich einfach. Foxton war fast überflüssig. „Die Flugsteuerung und Stabilisierung der CH-53K ermöglichten einen komplett automatischen Anflug“, staunte Foxton. „Bisher habe ich mich in diesem Szenario noch nie so sicher gefühlt.“

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„Fly-by-Wire": Die Flugsteuerung und Stabilisierung der CH-53K ermöglicht einen komplett automatischen Anflug. (U.S. Navy photo)

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„Fly-by-Wire": Die Flugsteuerung und Stabilisierung der CH-53K ermöglicht einen komplett automatischen Anflug. (U.S. Navy photo)

**Sea Trials:** Bei den Übungen auf hoher See wurden insgesamt mehr als 360 Starts und Landungen auf dem Hubschrauberträger USS Wasp absolviert. (U.S. Navy photo) Fahren Sie über das Bild für eine größere Ansicht

Sea Trials: Bei den Übungen auf hoher See wurden insgesamt mehr als 360 Starts und Landungen auf dem Hubschrauberträger USS Wasp absolviert. (U.S. Navy photo)

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Sea Trials: Bei den Übungen auf hoher See wurden insgesamt mehr als 360 Starts und Landungen auf dem Hubschrauberträger USS Wasp absolviert. (U.S. Navy photo)

„Fly-by-Wire“ heißt die elektronische Helikoptersteuerung, die Foxton seine Arbeit so sehr vereinfachte. Sie half ihm auch unter stark windigen Bedingungen, genau wie die enorme Kraft der CH-53K, die von drei Nutzturbinen des Typs T408-GE-400 generiert wird. Ein Antrieb, den die MTU gemeinsam mit GE Aviation entwickelt hat.

Die Kraft der drei T408 ermöglicht es der King Stallion, eine 27.000 Pfund schwere Außenlast über einen Einsatzradius von 110 Seemeilen in großen Höhen und bei heißen Klimabedingungen zu transportieren. „Die Außenlastfähigkeit ist dreimal so groß wie die des aktuellen Modells CH-53E Super Stallion, das noch mit den herkömmlichen T64-Triebwerken fliegt“, sagt Wolf Baenkler, Programm Manager T408 bei der MTU. Das T408 bietet 57 Prozent mehr Leistung, 18 Prozent weniger spezifischen Kraftstoffverbrauch und 63 Prozent weniger Teile als das T64. Es zeichnet sich ebenfalls durch ein robusteres Design aus, um die Haltbarkeit und Beständigkeit gegen Sanderosion und Salzwasserkorrosion zu erhöhen. Damit bietet es optimale Eigenschaften, um den harten Einsatzbedingungen des US Marine Corps standzuhalten.

Die Zusammenarbeit zwischen der MTU und GE Aviation beim Hubschrauber Sikorsky CH-53 reicht zurück bis in die Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts. Am 26. Juli 1972 wurde der erste von insgesamt 112 Hubschraubern an die Bundeswehr übergeben. CH-53G hieß die exklusiv für den deutschen Markt entwickelte Variante, die ausschließlich von deutschen Unternehmen in Lizenz gefertigt wurde. Die MTU ist seither für die Produktion und Instandhaltung des Antriebs der deutschen CH-53 zuständig: das T64. Über die Jahre wurde zusammen mit den Ingenieuren der MTU der Antrieb der deutschen Flotte optimiert, sodass der Helikopter schlussendlich in Deutschland mit einer Weiterentwicklung des T64, modifiziert durch die MTU, fliegt.

Als bei den Marines eine grundlegende Weiterentwicklung des Sikorsky CH-53 beschlossen wurde, die auch ein völlig neues Triebwerk vorsah, holte GE Aviation im Jahr 2008 die MTU auch aufgrund der guten Zusammenarbeit in den Jahren zuvor als Entwicklungspartner mit an Bord. Zum ersten Mal ging die MTU dabei mit GE eine Risk-Sharing Partnership (RSP) im militärischen Bereich ein.

Obwohl es sich bei der CH-53K „King Stallion“ um eine völlige Neuentwicklung handelt, sieht sie optisch fast genauso aus wie ihre Vorgänger und hat auch dieselben Maße. Dies sei dem Umstand geschuldet, dass die Amerikaner den Hubschrauber weiterhin auf ihren Trägern einsetzen wollten - ohne diese großartig umbauen zu müssen, erklärt Baenkler.

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200 Helikopter haben die Marines bei Sikorsky bestellt. Bei drei aktiven Triebwerken und einem Ersatz-Aggregat pro Helikopter entspricht das einer Gesamtzahl von 800 Nutzturbinen, die die MTU fertigen wird. „Die MTU ist stolz darauf, GE Aviation und das US Marine Corps bei diesem zukunftsweisenden Triebwerk zu unterstützen“, sagte Wolfgang Gärtner, Leiter für militärische Hubschrauberantriebe bei der MTU. „Außerdem bieten wir die CH-53K mit diesem Antrieb als zukünftigen Schwerlasthubschrauber für die deutschen Streitkräfte an.“ Derzeit läuft eine Ausschreibung bei der Bundeswehr. Einziger Mitbewerber ist die H-47 Chinook, die von einem von Boeing geleiteten Industrieteam ins Rennen geschickt wurde. Von einer Neuentwicklung ist die Chinook allerdings weit entfernt. Zuletzt wurde sie im Jahr 2007 überarbeitet.

"Die MTU ist stolz darauf, GE Aviation und das US Marine Corps bei diesem zukunftsweisenden Triebwerk zu unterstützen."

Wolfgang Gärtner, Leiter für militärische Hubschrauberantriebe bei der MTU Aero Engines

Bei den „Sea Trials“, den Übungen auf hoher See, absolvierten Major Foxton und seine Testpilot-Kollegen insgesamt mehr als 360 Starts und Landungen auf dem Hubschrauberträger USS Wasp. „Der Hubschrauber ist fit und liefert“, sagt Gärtner. „Alle wichtigen Meilensteine in der Flugerprobung und zum Nachweis seiner Missionstauglichkeit sind abgearbeitet worden. Der Hubschrauber hat bewiesen, was er kann.“ Die US Marines sind davon längst überzeugt. Die Spezialeinheit plant die ersten ihrer 200 Hubschrauber ab Ende 2023 / Anfang 2024 in den Einsatz zu verlegen.



T408 Wellenleistungstriebwerk


57 % mehr Leistung
18 % weniger spezifischer Kraftstoffverbrauch
63 % weniger Teile
robusteres Design
im Vergleich zum T64

FAKTEN:


  • Wellenleistungstriebwerk mit freier Nutzturbine
  • Fünfstufiger Axialverdichter, einstufiger Radialverdichter
  • Ringbrennkammer
  • Zweistufige Gasgenerator-Turbine
  • Dreistufige Nutzturbine
  • FADEC (Full Authority Digital Electronic Control) mit Health-Monitoring-Funktionen

TECHNISCHE DATEN:


Leistungsklasse: 7.500 Wellen-PS
Verdichterstufen: 5 axial und 1 radial
Hochdruckturbinen-/Niederdruckturbinenstufen: 2/3
Länge: 1.460 mm
Durchmesser: 685 mm
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