V2500: Ausgefeilte Qualitäts­prüfung

NDT-Laufscheiben-Prüfungen für eines der in höchster Stückzahl produzierten Kurz- und Mittelstreckenantriebe

01.2019 | Autor: Thorsten Rienth

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Thorsten Rienth schreibt als freier Journalist für den AEROREPORT. Seine technik­journalistischen Schwerpunkte liegen neben der Luft- und Raumfahrt­branche im Bahn­verkehr und dem Transportwesen.

Das V2500 ist eines der in höchster Stückzahl produzierten Kurz- und Mittel­strecken­triebwerke der bisherigen Luftfahrt­geschichte. Zum Einsatz kommt es im zivilen Bereich am Airbus 319, 320 und 321 sowie an der „MD-90“. Als Antrieb für den Embraer-Trans­porter KC-390 gibt es seit kurzem auch eine Militär­an­wendung. Gefertigt wird das V2500 unter dem Dach der Inter­national Aero Engines, einem Kon­sortium aus MTU Aero Engines, Pratt & Whitney und der Japanese Aero Engines Corporation.

16 Prozent beträgt der Programmanteil der MTU, die Laufscheiben der Nieder­druck­turbine sind ein Teil dieses Volumens. Damit die Lauf­scheiben aus der Münchner MTU-Fertigung auch in geforderter Qualität an den Kunden geliefert werden, durchlaufen sie eine aufwändige und im Detail geplante Qualitäts­prüfung. Dies ist der im Detail geplante und definierte Prüf­pro­zess für die Lauf­scheiben der Nieder­druck­turbine:

1. Prüfplanung

Wenngleich jede V2500-NDT-Scheibe den gleichen Prüf­pro­zess durch­läuft, ist einiges an Planung nötig. Die Prüf­planung, legt vor der Einführung des Prüf­pro­zesses fest, zu welchem Zeit­punkt und an welchem Ort welche Prüfungen durch­geführt werden. Sollten sich – zum Bei­spiel aufgrund neuer Vorgaben bestimmte Schritte ändern – werden diese Änderungen in den Prüf­prozess integriert.

2. Programmierung

Vor der geometrischen Prüfung muss das Mess­maschinen­pro­gramm erstellt werden. Anschließend wird das passende Prüf­programm für die Koordinaten­mess­maschine abgerufen und meist komplett automatisiert „abgefahren“.

3. Räumprüfen

Über diese – wie kleine Tannenbäume aussehenden – Nuten werden im nächsten Fertigungs­schritt die Schaufeln mit der Scheibe verbunden. Die Verbindung ist natürlich nur dann einwand­frei, wenn die Räum­nuten exakt das richtige Maß haben.

4. Ätzprüfen

Das Ätzprüfen gehört zu den zerstörungs­freien Prüf­verfahren. Gerade in der Luft­fahrt sind diese wichtig, weil dadurch die innere Struktur untersucht und die Lebens­dauer mit sichergestellt wird. Stich­proben würden nicht ausreichen.

5. Metallografie

Weil manchmal selbst die modernste Technik nicht mit dem mensch­lichen Auge mithalten kann, kommt in der Metal­lo­grafie mit dem Mikro­skop noch ein ganz klassisches Hilfs­mittel zum Einsatz.

6. Rissprüfen

Beim Rissprüfen geht es darum, eventuell vorhandene kleinste Risse im Bau­teil aufzu­spüren. Eine Möglich­keit besteht darin, flüssige Sub­stanzen aufzu­tragen, die unter einer bestimmten Licht­wellen­länge fluores­zieren. In einem Riss würde sich die Sub­stanz ablagern und sichtbar werden.

7. Schlussprüfen

Die Schlussprüfung ist, der Name sagt es, das große Finale der einzelnen Prüf­schritte. Ein wesentlicher Teil entfällt dabei auf die Sicht­prüfung. Nach einem fest­gelegten Ablauf­plan prüft der Mit­arbeiter diverse Bauteil­merk­male mit der Lupe. In der Schluss­prüfung wird auch ein Abdruck des Bauteils angefertigt, damit Kanten, Radien und Fasen – letzteres ist der Fach­ter­minus für eine abge­schrägte Fläche an Bauteil­kanten – noch einmal verlässlich über­prüft werden können.

8. Abnahme

Wo fliegende – und extrem sicher­heits­rele­vante Teile – bearbeitet werden, ist einiges an Doku­mentation gefordert. In der Abnahme wird dafür gesorgt, dass tatsächlich jeder Arbeits­schritt korrekt doku­mentiert ist.

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