Hub-und Marschtriebwerke: komplexe mechanische Konstruktion
Die Ingenieur:innen entschieden sich gegen schwenkbare Triebwerke, stattdessen installierten sie an den Flügelenden Gondeln mit je vier Rolls-Royce RB162-Turbojets als Hubtriebwerken, die pro Stück nur 127 Kilogramm wogen, aber jeweils zwei Tonnen Schub produzierten. Durch schwenkbare Schubdüsen trugen auch die beiden Marschtriebwerke unter den Tragflächen zum senkrechten Startvermögen bei. Hierfür wurden zwei Bristol Siddeley (heute Rolls-Royce) Pegasus 5-2-Turbofans gewählt, die auch im bis heute erfolgreichsten Senkrechtstarter der Hawker Siddeley Harrier zum Einsatz kamen. Nicht einmal die damals stärksten Hubschrauber der Welt hatten ein derartiges Hubvermögen wie die Do 31 mit ihren maximal 24,5 Tonnen Startgewicht.
Am 10. Februar 1967 startete die Do 31 erstmals in Oberpfaffenhofen bei München mit zunächst 19,3 Tonnen Abfluggewicht zum Erstflug. Ein Meilenstein, galt es doch mit der Technologie der 1960er-Jahre komplexeste Herausforderungen bei Aerodynamik, Triebwerksanordnung, Flugsteuerung und an der Schnittstelle zwischen Steuerung und Pilot:innen zu lösen. Das Steuerungssystem mit dem exakten Zusammenspiel der Hub- und Marschtriebwerke in Bodennähe war eine komplexe mechanische Konstruktion. Erste Ansätze für das spätere Fly-by-Wire-System, die elektronische Flugsteuerung, waren erkennbar, das gleichzeitig bereits in der Concorde Einzug hielt und später zur Philosophie der Airbus-Cockpits wurde.
Bis heute nicht gebrochene Weltrekorde auf dem Weg nach Paris
Zu großer Form lief die Do 31 in einem ohnehin außerordentlich ereignisreichen Jahr in der weltweiten Luft- und Raumfahrt auf. Nicht nur absolvierten 1969 sowohl die Concorde als auch die Boeing 747 ihre Erstflüge, auch die Mondlandung hielt die Welt in Atem – alles schien machbar. Kurz zuvor schaffte die Do 31 auf dem Überführungsflug von Oberpfaffenhofen zur Pariser Luftfahrtschau gleich mehrere Weltrekorde für jet-getriebene Senkrechtstarter dieser Gewichtsklasse – einer davon war die Dauer von einer Stunde und 19 Minuten. Sie wurden bis heute nicht gebrochen. Allerdings hatte die Do 31, wie alle Senkrechtstarter entscheidende Nachteile: Sie verbrauchte extrem viel Kerosin und beinahe noch extremer war ihre Lautstärke innen und außen.
„Die Menschen in der Umgebung von Oberpfaffenhofen bekamen Angst, wenn die Erde bebte und wieder dieses unglaubliche Brüllen anhob, nicht vergleichbar mit normalem Fluglärm“, berichtete der deutsche Testpilot Dieter Thomas (verstorben 2013) in einem Interview. „Dieses zehnmotorige Flugzeug war so unfassbar laut bis zu dem Punkt, wo es Schaden anrichtete“, erklärte sein Kollege Drury Wood (verstorben 2019) und meinte damit sowohl Gesundheits- wie Sachschäden, etwa an Häusern.
Trotzdem gab es damals große Pläne für den Passagierverkehr mit Senkrechtstartern. Dafür hatte Dornier bereits einen abgewandelten Entwurf der Do 31 präsentiert, die Do 231. Ausgelegt als Schulterdecker sollte sie für die Lufthansa hundert Passagiere mit bis zu 900 km/h knapp 3.000 Kilometer weit transportieren. Mit nun zwölf Hubtriebwerken wären 59 Tonnen Startgewicht möglich gewesen, der geplante Flugbetrieb sollte 1977/78 beginnen.