Natter verbessert die Bildanalyse-Performance um mindestens 90 Prozent
Das Heraussuchen der Bildpaare habe dabei nur einen Teil der Arbeit ausgemacht, so der Bildanalyse-Experte. Mindestens ebenso aufwendig sei es gewesen, die Daten auf ein einheitliches Format zu bringen: „Die Aufnahmen stammen von verschiedenen Mikroskopen, sind unterschiedlich belichtet und zugeschnitten und haben unterschiedliche Auflösungen.“ Bis Natter mit dem Training auf einem einheitlichen Datensatz beginnen konnte, habe es mehrere Monate gedauert. Eine Mühe, die sich mehr als gelohnt hat: Die per KI automatisierte Bildanalyse braucht pro Bild gerade mal fünf Sekunden. Das Analyse-Ergebnis entspricht mit einer Genauigkeit von etwas mehr als 96 Prozent dem von menschlichen Prüfern. „Die Rechenzeit von Natter fällt damit nicht mehr ins Gewicht“, sagt Dr. Kramer. Trotzdem gehen die MTU-Ingenieure konservativ davon aus, dass ein Experte noch jedes automatisch ausgewertete Bild sichten und dann vielleicht jedes zehnte Bild nochmal von Hand kontrollieren muss.
„Selbst mit dieser Annahme braucht Natter anstatt 30 Minuten aber nur drei Minuten pro Bild“, sagt von Lautz. „Das ist ein Performance-Zuwachs von mindestens 90 Prozent.“ Und eine enorme Arbeitserleichterung für die Metallographen, die statt einer Woche nun nur noch zwei bis drei Stunden benötigen und so mehr Zeit für andere Aufgaben haben, beispielsweise die Entwicklung von neuen Werkstoffen. Die MTU sei mit der Umsetzung dieser automatisierten Bildanalyse damals ihrer Zeit voraus gewesen, so der Schadensanalyse-Leiter. „Zukünftig arbeiten wir daran, dass mit Natter neben Nickelbasislegierungen noch mehr Werkstoffe beurteilt werden können.“ Die beiden MTU-Ingenieure denken aber bereits noch weiter: „Grundsätzlich ist mit der neuen Methodik alles, was mit Bildverarbeitung zu tun hat, gut lösbar. Vor allem wenn das Problem nicht mathematisch beschrieben werden kann, aber es viele Trainingsdaten gibt“, sagt Dr. Kramer. Die Anwendung müsse nicht zwangsläufig in Bereich der Metallographie liegen. Von Lautz etwa ist davon überzeugt, dass solche KI-Verfahren mittel- bis langfristig zu einem virtuellen Assistenten für Luftfahrt-Ingenieure führen werden.
„Wie moderne KI-Diagnose-Programme Ärzten heute schon auf Röntgenbildern der Lunge automatisch Metastasen anzeigen, werden diese Geräte uns Ingenieuren helfen, den Blick bei Analysen und Prüfungen nur auf die relevanten Stellen richten zu müssen“, sagt von Lautz. So könne mit der gleichen oder einer höheren Qualität mehr in weniger Zeit geprüft werden. „Gerade in der Luftfahrtbranche, wo Sicherheit immer Trumpf ist,“, so der MTU-Experte, „gehört solchen KI-Lösungen die Zukunft.“