Weltweite Herausforderungen
Doch die weltweiten Herausforderungen sind nicht nur rein technologischer Natur. Die Nachfrage nach Flugreisen geht ja nicht zurück, ganz im Gegenteil: „Bis 2050 ist eine Verdreifachung des Luftverkehrsaufkommens gegenüber heute tatsächlich nicht unwahrscheinlich“, erklärt Dr.-Ing. Florian Linke, kommissarischer Direktor des Instituts für Luftverkehr beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Außerdem benötigen die neuen Technologien auch eine umfangreiche Infrastruktur. Allein Wasserstoff würde ganz neue Tanksysteme erfordern, da er auf rund minus 250 Grad Celsius herunter gekühlt werden muss. „Zurzeit gibt es überall Kerosinanlagen, und man muss an allen Flughäfen diese Wasserstoffinfrastruktur komplett neu aufbauen. Der Luftverkehr ist ein globales Phänomen. Selbst wenn ich hier in Deutschland eine Infrastruktur hätte, dann bräuchte ich am Zielflughafen für den Rückflug ebenfalls entsprechende Möglichkeiten, Wasserstoff zu vertanken. Das heißt, es muss weltweit ausgerollt werden, damit das Ganze funktioniert.“
Außerdem muss die Produktion des Wasserstoffs auf nachhaltige Weise erfolgen. Hier konkurriert der Luftverkehr mit anderen Verkehrszweigen und der Industrie. Nicht zu vergessen sind laut Linke auch die Nicht-CO2-Effekte des Flugverkehrs, wie das Entstehen von Kondensstreifen und weitere Emissionen: „Bei der Verbrennung von Wasserstoff entsteht kein Kohlendioxid, sondern Wasserdampf, und je nach eingesetzter Brennkammer weiterhin auch Stickoxid-Emissionen. Wasserstoff als Energieträger ist zwar CO2-neutral, aber klimaneutral ist er nur dann, wenn dieser Wasserdampf nicht in der unteren Stratosphäre freigesetzt wird und die Stickoxid-Emissionen dann tatsächlich auf null heruntergebracht werden. Und bei der Herstellung des Wasserstoffs muss natürlich grüner Strom eingesetzt werden.“ Letzterer ist eine wichtige Komponente für die Zukunft der Luftfahrt.
Neue Fluggeräte am Himmel
Auch elektrisch betriebene Unmanned Air Systems (UAS) bieten eine Vielzahl von Verwendungsmöglichkeiten – sie sollen in Zukunft den Straßenverkehr entlasten. Die Palette reicht vom schnellen Transport wichtiger Güter, etwa Blutkonserven und Medikamente, bis hin zu Paketen oder Lebensmitteln. Gemäß des DLR-Experten dürften diese neuen Player trotz ihrer womöglich rasant steigenden Verwendung dem Luftverkehr nicht in die Quere kommen: „Die Integration dieser Vehikel in den Luftraum wird sehr stark vorangetrieben und man ist hier auf einem guten Weg. Die Frage ist eher, gibt es wirklich einen Markt für alle diskutierten Anwendungsfälle.“ Außerdem muss speziell für Flugtaxis eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden. Aus energetischer Sicht ist diese Mission mit einem höheren Energieaufwand verbunden, was unter Umständen eine positive Auswirkung auf das Klima in Frage stellt. Hinzu kommen die hohen Sicherheitsstandards in der Luftfahrt, deren Einhaltung auch im autonomen Betrieb sichergestellt sein muss. „In diesen Bereichen gibt es noch Forschungsbedarf. Die Integration in den Luftraum ist da eher das kleinere Problem.“
Es gibt also viel zu tun; das Paket der Herausforderungen beim Luftverkehr ist immens, aber laut Linke nicht unlösbar. Nicht zuletzt dank Clean Aviation könnte also der Luftverkehr in einem Vierteljahrhundert ganz anders aussehen als heute. Rasante Entwicklungen sind in der Luftfahrt nicht unüblich: Wer hätte schließlich 1927, als Charles Lindbergh spektakulär den Atlantik überquerte, gedacht, dass keine 25 Jahre später Jet-Flugzeuge in einem Bruchteil der Zeit regelmäßig Tausende Reisende über den Ozean bringen?