Wenn die Tage im Herbst und Winter kalt werden, geht es Flugzeugen ganz ähnlich wie uns Menschen: Manchmal muss es eine heiße Dusche sein. Bei Passagierjets besteht sie allerdings aus Wasser-Glykol-Mischungen und kommt spätestens dann zum Einsatz, wenn die Tragflächen mit Eis und Schnee bedeckt sind. Denn das wirkt sich negativ auf die Aerodynamik aus. So erhöht etwa eine nur wenige Millimeter dicke Raureifschicht auf den Flügeln bereits signifikant den Luftwiderstand und verringert somit den Auftrieb. Bei sehr starker Vereisung, insbesondere der Flügelvorderkanten, droht schlimmstenfalls sogar der gefürchtete Strömungsabriss. Dazu kommt das Gewicht: Bei einem Airbus A320 bringt eine Fünf-Millimeter-Reifschicht auf den Flügeln schon bis zu 375 Kilogramm zusammen. Insgesamt steigt somit auch der Kraftstoffverbrauch deutlich an. Eine Enteisung vor dem Start gehört daher bei entsprechender Witterung zum Pflichtprogramm für Passagiermaschinen.
Am Flughafen München war das in der letzten Enteisungs-Saison von Oktober bis April 5.291 Mal der Fall. Aus Sicht der Enteisungsmittelhersteller war das aber ein schlechter Winter: In der Saison davor war der Wert in München mit 10.572 noch doppelt so hoch. Aber selbst, wenn die Winter noch milder werden als der vergangene und die Flugzeuge am Boden eisfrei bleiben würden, besteht immer noch das Problem der Vereisung von Tragflächen während des Fluges. Das geschieht typischerweise im Sinkflug, wenn Flugzeuge aus ihrer Reiseflughöhe, auf der auch im Sommer Temperaturen bis zu minus 50 Grad herrschen können, in feuchtere Luftschichten eintauchen. Auf der eiskalten Außenhaut der Flieger frieren Wassertropfen blitzartig fest. Schutzsysteme, die das so gewachsene Eis ablösen können und die Eisbildung in der Luft zusätzlich hemmen, stehen daher seit langem weit oben auf der Agenda der Luftfahrtforscher. Schon seit den 1930er Jahren wurden verschiedenen Technologien entwickelt, um Propeller, Rotoren, Triebwerkseinlässe, Flügel und Leitwerke vor Eis zu schützen.
Neue Anti-Eis-Technologien müssen hohe Anforderungen erfüllen
Bei vielen kleineren Propellermaschinen sind etwa die Flügelvorderkanten mit Gummibälgen ausgestattet, die sich aufpumpen lassen. Dehnen sie sich aus, platzt das Eis ab. Große Passagierflugzeuge setzen üblicherweise auf heiße Zapfluft aus den Triebwerken, die durch Rohrleitungen zu den Flügelvorderkanten geleitet wird. Die Methode funktioniert sehr gut, geht aber zu Lasten der Triebwerksleistung. Vereinzelt eingesetzte elektrische Flügelheizungen sind zwar effizienter, benötigen aber Batterien, die wiederum mehr Gewicht ins Flugzeug bringen. Optimierte technische Lösungen, die weniger Energie benötigen, um die Eisbildung in der Luft zu reduzieren oder am besten gleich ganz verhindern, sind daher sehr gefragt. Ideen dafür gibt es einige: Beispielsweise wasser- und eisabweisende Mikrostrukturen, die per Folie auf die Flügeloberflächen geklebt oder direkt in sie eingearbeitet werden. Ebenso wird an mechatronischen Systemen gearbeitet, die das Eis mit hochfrequenten Schwingungen abschütteln sollen.